Otto (li), Killinger (re) am Abbruch Lange Str. 60/62
Vorstandsmitglieder des Denkmalvereins mit einem Plan vom T. Marstaller voller abgerissener Häuser

STEINLACH-BOTE Samstag, 30. November 2019

Mössingen · Städtebau

 

Stück des alten Mössingen fehlt

 

Die Stadt Mössingen ließ ein Gebäude aus dem 16. Jahrhundert an der Langgaß abreißen. Das bedauert der Denkmalverein.

 

Von Mario Beißwenger

 

Die Nummer 60/62 ist jetzt auch weg. Vergangene Woche ließ die Stadtverwaltung das Gebäude in der Langen Straße abreißen. Das Grundstück werde wohl gebraucht, um das Hoeckle-Areal als Wohnbaufläche zu erschließen, spekuliert Steffen Killinger vom Mössinger Denkmalverein.

 

Er kennt das Haus von innen, nicht nur seine schäbige Außenansicht. Vor Jahren hat der Denkmalverein das Dach provisorisch repariert. Der Dachstuhl, so viel ließ sich leicht erkennen, kommt sicher aus dem 16. Jahrhundert und zeigte noch Spuren der ursprünglichen Strohdeckung. Zur Straße war unter dem Putz wohl ein Ziergiebel. Das alles ist weg. „Ich find’ es schade, um jedes Gebäude, dass man aus dem 16. Jahrhundert verliert“, sagt der Grabungstechniker, der für das Landesdenkmalamt unterwegs ist.

 

Kriege zerstörten das Haus nicht

 

Auf etwa 1550 sei das Gebäude zu datieren. „Das Haus hat viele Kriege überlebt, auch den 30-jährigen, und viele Erdbeben“, sagt Norbert Otto, Vorsitzender des Denkmalvereins. Von den „manch gut gebauten Häusern“ entlang der Langgaß, von denen noch die Oberamtsbeschreibung spricht, bleiben weniger und weniger.

 

In den 1970er und 80er Jahren wurden viele schon geschleift. Warum die Abrisspolitik aber immer noch weiter geht, verstehen die etwas müde gewordenen Streiter vom Denkmalverein schon lange nicht mehr. Wenn die Nummer 60/62 die Ausnahme wäre, „könnten wir es verschmerzen“, meint Killinger. Aber die vielen modernen Neubauten, die im unteren Teil der Langen Straße das Bild bestimmen, würde des Stadtbild gesichtslos machen.

 

„Diese Häuser sehen in Mössingen genau so aus wie in Ostfriesland oder Brandenburg“, sagt Otto, der sich fragt, woran die viel beschworenen Touristen erkennen sollen, dass sie in Mössingen sind und nicht irgendwo anders.

 

An der schiefen Kreuzung von Falltorstraße, der Lehr und der Langgaß lässt sich ahnen, wie Mössingen aussehen könnte. Dort stehen die Ersatzbauten für Häuser, die einer Brandstiftung im 30-jährigen Krieg zum Opfer fielen. „Das ist die damalige Neubauecke“, sagt Killinger. Dort lasse sich Ortsgeschichte erzählen, Häuser der Mössinger Zimmererdynastie Miller finden sich, dank Hausbesitzern, die sich um die Immobilien kümmern.

 

Von dort aus die Lange Straße runter sind die Problemkandidaten, etwa die Nummer 16. Das Grundstück gehört einem Investoren, im rückwärtigen Teil steht schon ein Neubau. „Das ist kein normales Bauernhaus“, kann Killinger mit einiger Sicherheit sagen. Selbst Laien erkennen das, wenn sie die großzügige Raumhöhe des ersten Stocks wahrnehmen.

 

Bei solchen Baustandards des Gebäudes, das wohl einst eine herrschaftliche Rolle erfüllte, könne niemand behaupten, dort keine angemessen moderne Wohnstandards unterbringen zu können. Wobei Killinger der Meinung
ist, dass es sich bei jedem historischen Gebäude lohne, „möglichst lange nach einer anderen Lösung zu suchen als den Abriss. Egal ob Denkmalschutz vorliegt oder nicht.“

 

Ein Schritt weg vom Mittelalter

 

Den gibt es für das mit einer Datierung aufs Jahr 1432 zur Zeit älteste Mössinger Haus in der Mittelgasse 26. Das städtische Gebäude ist für Killinger so wertvoll, weil dahinter mit dem Haus Lange Straße 7/9 noch ein Haus aus der frühen Neuzeit steht – provisorisch gesichert mit einem Notdach durch den Denkmalverein. „Mit zwei Meter Abstand lässt sich da der Übergang vom Mittelalter in der Bautechnik nachvollziehen.“

 

Vielleicht kümmere sich die Stadt ja doch noch um das Ensemble, hofft Denkmalvereinsvorsitzender Otto. „Man müsste sich der Sache nur annehmen“, glaubt er, dann würde sich eine Lösung zum Erhalt schon finden. Wenn dieses Baudokument aus der Geschichte auch verschwindet wie zuvor das lang umkämpfte noch ältere Streib-Haus, „dann macht das Mössingen nicht gerade liebenswerter“.

 

Die Stellungnahme der Stadtverwaltung

Stimmt es, dass das Gebäude in der Langen Straße abgerissen wurde, um die Erschließung des Hoeckle-Areals zu ermöglichen?

Nein, das Haus musste aus Sicherheitsgründen (Einsturzgefahr) zurückgebaut werden.

Was weiß die Stadt über die Zukunft des Hauses Nummer 16. Das soll recht wertvoll sein. Droht ein baldiger Abriss?

Das Haus ist in Privatbesitz. Die Stadt sieht nicht in die Zukunft.

Hat die Stadtverwaltung Pläne für die Gebäude Mittelgasse 26 (zur Zeit das älteste Gebäude der Stadt) und Lange Straße 7/9?

Die Stadt hat aktuell keine Pläne, Nutzungskonzepte für die angesprochenen Gebäude.

Ihre Einschätzung zur Lage was die Baudenkmäler angeht: Die Kapazitäten in der Hochbauverwaltung reichen wohl nicht neben den Pflichtaufgaben wie Kindergarten und Schulen, der Ortsmitte und der Entwicklung des Pausa-Geländes, sich auch noch um die historische Bausubstanz zu kümmern. Trifft das so zu?

Nein.