Erschienen:

 

26.01.2017:© Schwäbisches Tagblatt GmbH

 

mit freundlicher Genehmigung der Autorin Susanne Wiedmann

 

 

 

 

 

Im Arztkittel zur Gartenarbeit

 

 

 

Geschichte In der Bahnhofstraße 11, die nach dem Willen von Stadt und Kreisbau abgerissen werden soll, eröffnete 1926 die erste Mössinger Zahnarztpraxis. Von Susanne Wiedmann

 

 

 

Der Lärm drang aus dem Erdgeschoss. In der Bahnhofstraße 11 hatte Anton Kessler 1926 die erste Mössinger Zahnarztpraxis eröffnet. Sein treibschnurangetriebener Bohrer ratterte wie ein Presslufthammer. Und Kessler steckte Bohrköpfe darauf, manche dicker als ein Backenzahn. Man hätte sie in einer Werkstatt vermutet, nicht aber in einer Arztpraxis.

 

 

 

Die Techik war damals nicht besonders filigran. Und Anton Kessler war nicht zimperlich. „Stellen Sie sich nicht so an!“, soll er mitunter seine Patienten aufgefordert haben. „Bevor die Betäubung wirkt, ist der Zahn draußen.“

 

 

 

Für 20000 Reichsmark hatte sich der Zahnarzt ein modernes Behandlungszimmer eingerichtet. Nicht wenig Geld für die damalige Zeit. Deshalb dauerte es lange, bis er den dafür aufgenommenen Kredit abbezahlt hatte. Mittlerweile gehören Kesslers Maschinenpark und Möbel zum Mössinger Museum: Bohrer und Röntgenapparat, Lachgas-Narkosegerät und Behandlungsstuhl.

 

 

 

Anton Kessler wurde im Jahr 1898 auf Gut Dürrenhardt bei Nagold geboren, wo sein Vater als Verwalter arbeitete. Nachdem er in Tübingen Zahnmedizin studiert hatte, praktizierte er zwei Jahre in Hirrlingen, bevor er sich in Mössingen niederließ. Im Parterre der Bahnhofstraße 11 befand sich links der Warteraum, daneben das Behandlungszimmer. Im ersten Geschoss war die Wohnung untergebracht. Zunächst hatte Kessler das Haus gemietet, Mitte der 1930er Jahre kaufte er das Gebäude vom Lehrer Christian Schmid, der jedoch weiter im Haus wohnen blieb. Nach dem Krieg nahm Kessler auch Schmids Tochter Paula samt deren Familie auf. Paula Koch richtete unter dem Dach einen Nähsaal ein. „Es war ein sehr freundschaftliches Verhältnis zur Familie Koch“, erinnert sich Kesslers Tochter Evelin, die von 1962 bis 1982 in der Bahnhofstraße 11 lebte.

 

 

 

Als kleines Mädchen saß sie oft auf einem Stuhl im Behandlungszimmer und beobachtete, wie ihr Vater die Patienten versorgte. In ihren Augen waren es vor allem ältere Mössinger, die seine Hilfe suchten. „Und Unikate wie die Beuremer Elsa.“ Evelins Mutter arbeitete an manchen Tagen als Sprechstundenhilfe in der Praxis.

 

 

 

Nicht aber mittwochs. Da zog Anton Kessler los von Mössingen nach Melchingen. Im Gasthaus „Linde“ hatte er einen Zahnarztstuhl und einen Instrumentenwagen aufgebaut, um geplagte Älbler von ihren Schmerzen zu befreien.

 

 

 

Wer einen Termin in der Praxis vereinbaren wollte, hätte Kessler unter der Fernruf-Nummer 227 erreicht. Aber in welcher Wohnung stand damals ein Telefon? Anton Kessler sei der erste Privatmann gewesen mit einem eigenen Anschluss, sagt seine Tochter. Modern wie er war, änderte er auch die Schreibweise seines Namens. Eigentlich hieß er Keßler, schrieb sich aber mit doppeltem S, weil er es für schicker befand.

 

 

 

Der Zahnarzt füllte jedoch nicht nur Löcher. Er grub auch welche. Allerdings im Garten. Hinter dem Haus hatte Anton Kessler einen Nutzgarten angelegt, Gemüse gezogen, Beerensträucher gesetzt, Bäume gepflanzt: Pflaumen, Mirabellen, Sauerkirschen, Äpfel. Weintrauben wucherten die Holzveranda empor. Noch dazu hielt der Vater Hühner, die seine Tochter gerne durch den Garten jagte.

 

 

 

„Mössingen war ein liebevolles Dorf“, sagt Evelin Kessler. „Früher war viel mehr Leben auf den Straßen. Jetzt fehlt ein zentraler Ort, das macht Mössingen so anonym.“ Als ihr Nachbarhaus, das alte Lehrerwohnhaus, 1972 abgerissen wurde, habe ihr Vater gesagt: „Die machen das Dorf noch kaputt.“

 

 

 

Anton Kessler war nur selten ohne Arztkittel zu sehen, ob er nun in der Praxis beschäftigt war oder mit der Sense durch den Garten fegte. Er liebte die Freiluftarbeit. Doch sie wurde ihm zum Verhängnis. 1963 stürzte er bei der Kirschenernte vom Baum. Fortan konnte er nur noch zwanzig Prozent arbeiten. Elf Jahre später starb er.

 

 

 

Das historische Gebäude

 

 

 

Die Bahnhofstaße 11 wurde im Jahr 1891 von Werkmeister German Munding gebaut. Die Kreisbaugesellschaft Tübingen möchte an dieser Stelle ein Wohn- und Geschäftshaus errichten (wir berichteten mehrfach). Ende Januar entscheidet das Landesamt für Denkmalpflege, ob das historische Gebäude zum Kulturdenkmal erhoben wird.