Steinlachbote 26. 8. 2016

Platz schaffen für die neue Planung

 

Das historische Gebäude in der Mössinger Bahnhofstraße 11 muss einem Neubau weichen

 

Die Kreisbaugesellschaft Tübingen hat das Haus in der Mössinger Bahnhofstraße 11 erworben. Im
Frühjahr 2017 soll das Gebäude abgerissen werden.

 

26.08.2016
· von Claudia Jochen, Mössingen.

 

Noch steht das historische Gebäude von 1891. Aber Garten und Garage wurden bereits
entfernt, um für 30 provisorische Parkplätze für das Gesundheitszentrum Platz zu schaffen. Erst
kurz bevor in der Bahnhofstraße 11 ein Neubau (Mitte 2017) entsteht, soll der Altbau abgerissen
werden. „Falls sich nicht noch anderweitige Notwendigkeiten ergeben“, betont Kreisbau-
Geschäftsführer Karl Scheinhardt.
Geplant ist an dieser Stelle ein Mehrfamilienhaus mit zehn Wohnungen und zwei Gewerbeeinheiten, mit Staffelgeschoss und Flachdach. Das entspricht etwa 880 Quadratmeter Wohnfläche und 495 Quadratmeter Gewerbefläche. Günther Riehle, Sachgebietsleiter Bauverwaltung der Stadt Mössingen, begrüßt dieses Vorhaben und meint zum Abriss des alten Hauses: „Zur Neuplanung der Stadt Mössingen ist dieses Gebäude nicht mehr passend“.
Bei ihren Recherchen über die Geschichte des Hauses entdeckte Stadtarchivarin Franziska Blum,
dass der Erbauer des Hauses, der Werkmeister German Munding, in der Bahnhofstraße mehr als nur dieses Gebäude in Mössingen errichtet hat und zu damaliger Zeit offensichtlich das Stadtbild
mitgeprägt hat.
Die Lage der Bahnhofstraße als Eingangspromenade zur Innenstadt und auch die Nähe zum Bahnhofsgebäude scheint Munding und andere Werkmeister inspiriert zu haben. Mit Tuffsteinen und Ziergiebel wurde das Haus Nummer 11 gebaut, mit leicht geschwungenen Bogenfenstern, Sandsteinfries und pittoresker Holzveranda.
Über das Gebäude kann Blum berichten: 1884 erhielt German Munding die Baugenehmigung für
das Wohnhaus. 1898 ließ die inzwischen darin wohnende Witwe von Johann Georg Hummel,
Fabrikant und Gründer des Vorgängerbetriebs der Pausa, eine kleine freistehende Waschküche
hinter dem Haus erbauen. Im Gebäudekataster von 1907 wird es erstmals als Wohnhaus „ganz in
Stein gebaut“ beschrieben, das in dieser Zeit vom Ortssteuerbeamten Christian Schmid bewohnt
wurde.
Der Enkel von Christian Schmid, Gunther Koch, Jahrgang 1930, jetzt wohnhaft in Nehren, weiß
über die Bewohner des Hauses einiges zu erzählen. Er selbst ist mit seinen beiden Geschwistern (Jahrgang 1926 und 1945) dort geboren und aufgewachsen. Sein Großvater Christian Schmid war Lehrer an der Steuerfachschule in Stuttgart, seine Ehefrau war schwer herzkrank und benötigte dringend gute Landluft, „deswegen zog mein Großvater nach Mössingen“. Gunther Kochs Mutter wurde 1901 noch in Stuttgart geboren. „Der Witwe des Fabrikanten Hummel wurde das Haus in der
Bahnhofstrasse 11 zu groß“, erinnert sich Koch. Für seinen Großvater, der erst „Auf der Lehr“
wohnte, war das Haus genau richtig: So bewohnte Kochs Mutter, mittlerweile erwachsen, mit eigener Familie und Großvater Schmid das Obergeschoss, unten war vermietet. Um 1937 verkaufte Schmid das Haus an den Zahnarzt Kessler, damit Gunther Kochs Eltern in Ebingen bauen konnten. Der Großvater selbst behielt lebenslanges Wohnrecht im Obergeschoss des Hauses. 1944 starb er
mit 85 Jahren. Da die Kochs nach dem Krieg kein Haus mehr in Ebingen besaßen, nahm Zahnarzt
Kessler die Familie in der Bahnhofstraße auf. Gunther Kochs Mutter lebte dort bis zu ihrem Tod
1958.
German Munding, Werkmeister aus Unlingen im Kreis Biberach, baute sein eigenes Wohnhaus
schräg gegenüber (mit der Nummer 20, jetzt AWG) sowie das Wohnhaus für einen Webmeister aus Zuffenhausen (Nummer 26). Mittlerweile verputzt, steht es heute noch links neben dem Rewe-Markt. Zudem errichtete Munding am Ende der Bahnhofstraße bei der Brauerei Kercher (heute
Supermarkt und Autohaus) eine Eis- und Lagerbierhalle.
Geboren wurde Munding 1846, mit 27 Jahren erwarb er die 1873 gegründete Mössinger
Zementfabrik „Auf der Halde“ (gegenüber dem heutigen McDonald’s). Mit seinem Sohn Hermann
baute er das Unternehmen aus. Im Mössinger Heimatbuch ist zu lesen: „Zementsteine waren als
Bausteine geschätzt und wurden in der ganzen Umgegend verwendet.“
1893 wurde German Munding von der Gemeindeverwaltung als Sachverständiger für den Umbau eines Gebäudes zu Rate gezogen, recherchierte Museumsleiter Hermann Berner. Und noch im selben Jahr zog Munding mit Frau und Kindern nach Tübingen. Ob Munding in Tübingen auch als Werkmeister tätig war, konnte bislang nicht geklärt werden. Irgendwann zog die Familie nach Stuttgart. Auch die nachfolgenden Generationen arbeiteten als Architekten. German Mundings Urenkel betreibt heute ein Architekturbüro in der Landeshauptstadt. Sabine Kraume-Probst vom Referat „Inventarisation Bau- und Kunstdenkmalpflege“ des Landesamtes für Denkmalpflege kennt das Gebäude nur von einem Foto aus dem Jahr 1999. „Anhand des Fotos sahen wir keinen Grund, das Gebäude weiter zu begutachten. Derartige Gebäude sind aus anderen größeren Städten bekannt und daher keine Seltenheit. Ob das Gebäude für Mössingen interessant ist, kann ich ohne weiteres aber nicht beurteilen“, betont die Denkmalpflegerin. Die Mössinger Stadtarchivarin Franziska Blum weiß mehr: „Vor allem die zweistöckigen Stadthäuser sind untypisch für die eigentlich dörfliche Struktur Mössingens.“


Kommentar · Stadtgestaltung
Auf dem Weg in Mössingens Mitte
26.08.2016
· von SUSANNE WIEDMANN
Mössingen arbeitet an einem Stadtboulevard. Die Bahnhofstraße soll als Eingangstor zur neuen
Mitte herausgeputzt werden. Da stört sich der moderne Blick an einem zweistöckigen Haus mit
Ziergiebel, 1891 von Werkmeister German Munding in der Bahnhofstraße 11 errichtet. „Zur
Neuplanung der Stadt Mössingen ist dieses Gebäude nicht mehr passend“, findet Günther Riehle von der Bauverwaltung.
Der Weg müsste eigentlich ein umgekehrter sein: Neue Bauprojekte geschickt in die historisch
gewachsene Umgebung zu integrieren. Nichts macht ein Stadtbild vielfältiger, als wenn sich
Vergangenheit und Gegenwart wirkungsvoll zusammenfügen. Stattdessen zwängten städtische
Entscheidungsträger ein mächtiges Gesundheitszentrum und einen nicht minder wuchtigen Parkhausklotz in die Stadtmitte.
Zwar wird das Munding-Haus erst im nächsten Jahr für einen Neubau platt gemacht, aber der
Garten ist bereits abgeräumt für einen Interims-Parkplatz. Das wie ein öder Behelfsbau wirkende
Nachbarhaus darf jedoch bleiben. Es wird aufgestockt, damit die Passanten rechtzeitig auf die überdimensionierte Höhe des Gesundheitszentrums vorbereitet werden.
Hätten die für ihren schonungslosen Umgang mit historischer Bausubstanz – auch über die
Stadtgrenzen hinaus – bekannten Mössinger nicht die Abrisskralle an zahlreiche markante Gebäude
gesetzt, müsste die Stadt an ihrem provinziellen Aussehen gar nicht so verzweifelt herumkurieren.
Zumindest nicht in der Bahnhofstraße: Denn sie war einst eine Meile mit auffällig städtischem
Charakter. Als Mössingen 1869 an die Bahnlinie Tübingen-Hechingen angeschlossen wurde,
entstand westlich des Dorfes der Bahnhof. Und in der neuen Bahnhofstraße wuchs als eines der
ersten Gebäude ein Wirtshaus, ein glasierter Klinkerbau, empor. Als letzter seiner Art in Mössingen wurde er im Jahr 2001 abgerissen. In der Bahnhofstraße 9 wurde 1895 ein Lehrerwohnhaus gebaut, ein Doppelhaus mit Zwerchgiebeln. Niedergerissen: 1972. Das Gasthaus Rose, im Jahr 1905 an der Ecke Bahnhof-/Falltorstraße errichtet, ein imposantes Gebäude mit Zwiebeltürmchen und – wie die
Bahnhofsgaststätte – mit glasierter Klinkerfassade. Abgebrochen: 1993. Das sind nur einige Beispiele.
Auch den alten, ortsbildprägenden Polizeiposten, 1893 gebaut, wollte die Stadt abreißen. Dann
sammelte der Denkmalverein über 800 Unterschriften, die sich dagegen aussprachen. Mittlerweile hat ein junges Paar das historische Gebäude gekauft und restauriert.
Der Architekt German Munding baute um 1900 mindestens drei Wohnhäuser in der Bahnhofstraße. Darunter ein stattliches Gebäude mit Walmdach für sich und seine Familie in der Bahnhofstraße 20. Schon vor fast vierzig Jahren wurde es dem Erdboden gleich gemacht. Heute steht dort ein banaler Ladenblock.
Sabine Kraume-Probst vom Landesamt für Denkmalpflege kennt – nach eigenen Angaben – die Bahnhofstraße 11 nur von einem Foto aus dem Jahr 1999. Anhand des Bildes sah sie keinen Anlass, das Haus näher zu untersuchen, weil derartige Gebäude aus anderen größeren Städten bekannt und daher keine Seltenheit seien. Ob es für Mössingen interessant sei, könne sie aber nicht ohne weiteres beurteilen. Aus anderen größeren Städten? Mössingen war damals ein Bauern- und
Handwerkerdorf. Da hätte die Denkmalpflegerin aufmerken müssen.