Bild: Dr. Klaus Franke, Mössingen /ST
Bild: Dr. Klaus Franke, Mössingen /ST

Das rechte Foto zeigt das Gesundheitszentrum von der Bahnhofstraße aus mit der davor stehenden Werbetafel, darauf derselbe Entwurf wie rechts unten in der Vergrößerung.     Bilder: Klaus Franke / ST

Schwäbisches Tagblatt/Steinlachbote

STEINLACHTAL Samstag,1.August2015

 

Mit dem Gesundheitszentrum hat die Neubebauung des Merz-Areals und die von vielen Mössingern lang ersehnte Innenstadtentwicklung begonnen.Doch ein gelungener Start sieht anders aus.

 

Gesichtsloser Koloss

 

Warum das Gesundheitszentrum die neue Mössinger Mitte verunstaltet /

Von Susanne Wiedmann

Bilder: Klaus Franke; Mössingen / ST

 

Als riesiger Baukörper wuchs das Gesundheitszentrum in den vergangenen Monaten zwischen Grasshoppersstraße und Bahnhofstraße heran. Ein vierstöckiges Gebäude mit einer Nutzfläche von über 5000 Quadratmetern. Damit trifft ein neuer Maßstab auf die gewachsene dörfliche Struktur. Die Dimension des Gesundheitszentrums übersteigt jene der Nachbargebäude um ein Vielfaches. Nichts spricht gegen ein großes Gebäude in der Innenstadt. Vorausgesetzt, es folgt eine kundige und über zeugende Antwort auf die Frage: Wie wird diese Masse proportioniert? Das Gesundheitszentrum wird je doch nicht in einzelne Gebäudeteile gegliedert, nicht durch vielfältige Vor- und Rücksprünge rhythmisiert, die ihm seine Wucht und Schwerfälligkeit nehmen. Stattdessen eine langgestreckte Fassade mit nahezu identischen, sich ständig wiederholenden Fensterformen. Nirgendwo gibt es Akzente durch überlegt gesetzte Fensterausschnitte, nirgendwo ungewöhnliche Perspektiven oder ansprechende Silhouetten. Nichts, was den Baukörper durchdringt, ihm Leichtigkeit und Transparenz verschafft. Die Architektur hat den Charme eines belanglosen Bürokomplexes, da rettet auch nicht das zurückgesetzte Dachgeschoss.

 

Parkhaus mit Putzfassade und Gucklöchern

 

Auf einem großflächigen Schild vor der Baustelle wird für ein gefälliges Gebäude geworben. Mit raumhohen, schlanken Fensterfronten, die den Bau vertikal gliedern. Vergleicht man die Abbildung jedoch mit dem Neubau, der dahinter entstanden ist, reibt man sich die Augen. Der Plan ist in mehrfacher Hinsicht längst veraltet. Mittler weile entschieden sich Stadtverwaltung und Gemeinderat für eine Klinkerriemchenfassade. Wertiger und positiver wirke Klinker auf die Umgebung, findet der Architekt der planenden Architektenpartnerschaft ARP Stuttgart. Sicher mag dies auf manche Gebäude zutreffen. Nicht aber auf das Gesundheitszentrum. Allein die veränderten Fensterformen betonen ungünstig die Länge und Geschlossenheit des Neubaus. Klinker wird diesen Ein druck noch verstärken. Zurück zur anfänglichen Frage: Wie wird diese Masse proportioniert? Wer das Mössinger Gesundheitszentrum betrachtet, sucht vergeblich danach. Entweder weil diese Frage nie gestellt wurde, oder weil sich jemand mit der Antwort vergriffen hat. Also ein klotziger Koloss auf dem ehemaligen Merz-Areal, der in seiner einfallslosen Monotonie nicht im geringsten seinem Standort, der ersehnten Mössinger Mitte, gerecht wird. Ein „wichtiger Angelpunkt“ solle das Gesundheitszentrum sein, erklärte einmal Berthold Hartmann, Geschäftsführer der Kreisbaugesellschaft Tübingen, der Bauherrin des Gesundheitszentrums. Dafür hätte es an dieser prominenten Stelle jedoch eines Gebäudes bedurft, das in die Umgebung ausstrahlt und genauso einladend wirkt. Man hätte sich eine bewegte Architektur vorstellen können, die beispielsweise die Landschaftsformation der Alb widerspiegelt, mit höhengestaffelten Gebäudekörpern. Ein moderner Neubau, der seinen Beitrag leistet für ein Zentrum mit Qualität. Der zweite, noch nicht realisierte, aber geplante Neubau im Mössinger Zentrum toppt in seiner hilf- und ideenlosen Gestaltung sogar das Gesundheitszentrum. Gleich nebenan wird ab Herbst eine dreigeschossige Parkgarage gebaut mit Gucklöchern im Mauerwerk und Putzfassade. Um dafür Platz zu schaffen, wurde kürzlich die Merz-Villa geopfert.

 

Wieder eine riesige Masse, aber platt wie ein Schuhkarton neben dem mächtigen Gesundheitszentrum. Das Parkhaus wirkt wie ein billiges Provisorium, das mitten im Zentrum eine banale Hinterhofatmosphäre schafft Keinem der beiden Gebäude gelingt es, sich respektvoll in die kleinteilige Ortsbebauung zu integrieren und aus dem Nebeneinander von unterschiedlichen Bauformen, von Alt und Neu eine vielfältige Mitte zu entwickeln.

 

Jahrhundertchance nicht ergriffen

 

Ein neues Zentrum zu gestalten, ist für Mössingen zweifellos eine Herausforderung. Aber gerade an einem so zentralen Ort wie dem Merz-Areal hätte die Anstrengung besonders groß sein müssen, ein attraktives Ergebnis zu erzielen. Da genügt es nicht, allein darauf zu vertrauen, dass es ein Investor – in diesem Falle die Kreisbaugesellschaft Tübingen – schon richten wird. Die Stadt hätte sich von externen, unabhängigen Experten Ideen liefern, beraten und briefen lassen müssen. Verwaltung und Gemeinderat hätten mehr und mutig über Qualität und gute Architektur diskutieren sollen. Es fehlte an Ideen und Ambitionen. Wurde je darüber beraten, was das neue Parkhaus außer Parkplätzen noch bieten könnte? Das benachbarte Balingen war da schon vor einem Vierteljahrhundert weitaus pfiffiger. So ist dort beispielsweise auf dem obersten Deck des Parkhauses Wilhelmstraße eine öffentliche Grünanlage mit Sitzgelegenheiten und einer Boulebahn angelegt worden. 1992 wurde das Bauprojekt von der Architektenkammer Baden-Württemberg für vorbildliches Bauen ausgezeichnet. In Mössingen hingegen ist das Merz-Areal ein weiteres Exempel dafür, wie historische Bausubstanz abgerissen wird, ohne die freigewordene Fläche architektonisch aufzuwerten. Ein Paradebeispiel für städtebauliches Unheil steht an der Karl-Jaggy-Straße im Bereich der ehemaligen Shedhalle der alten Pausa. 1928 gebaut, 2007 abgerissen und ersetzt durch einen Parkplatz und einen trivialen Ladenblock, wie er in einer Innenstadt nichts verloren hat. Die Stadt hat bislang die Jahrhundertchance nicht ergriffen, ausdrucksstarke Architektur in ihr neues Zentrum zu platzieren. Im Mössinger Stadtentwicklungsprozess wurde der „Handlungsansatz“ ausgerufen: „Mehr Stadtmitte wagen“. Noch besser wäre: „Mehr Qualität wagen!“