Samstag, 31. Mai 2014

Von Susanne Wiedmann

 

Stadtgeschichte

Das Mössinger Streibhaus ist ein ortsgeschichtlich herausragendes Fachwerkhaus. Obwohl es noch sehr viel Originalsubstanz aus dem Jahr 1616 besitzt, wird es abgebrochen. Kritiker werfen der Stadt vor, sie vernachlässige den historischen Ortskern

 

Streibhaus wird abgerissen

 

Das 400 Jahre alte Mössinger Gebäude soll einem Neubau weichen

 

Nur knapp entging das Mössinger Streibhaus vor 12 Jahren seinem Abriss, weil es unter Denkmalschutz gestellt wurde. Doch seither passierte wenig – nur das 400 Jahre alte Gebäude verfiel weiter. Die Baugenossenschaft Pfullingen möchte das Streibhaus von der Stadt Mössingen kaufen und abreißen. Auf dem 10 Ar großen Grundstück plant sie 2 Mehrfamilienhäuser.

 

Wenn das Streibhaus irgendwann zusammengefallen wäre, hätte es Andreas Mehl noch stärker geschmerzt. „Dass wir es beseitigen müssen, liegt in der Natur der Sache“, sagt der Mössinger Architekt. „Es bringt nichts, wenn lauter Ruinen rumstehen.“

 

Im Jahr 1616 wurde das stattliche Haus in der Waibachstraße gebaut – mit repräsentativer Ziergiebel, 2 Wohnstuben und ungewöhnlicher Raumhöhe. Oft schon wurde es als „Kleinod“ bezeichnet. Zumindest war es das einmal.

 

Vor rund einem Jahr ließ die Stadt ein Gutachten erstellen. „Das Ergebnis war: man kann das Streibhaus nicht mehr sanieren“, betont der Mössinger statt Baudirektor Gebhard Koll. „Wesentliche Bauteile sind ihn zu schlechtem Zustand.“ Vergangenes Jahr verlor das Gebäude seinen Denkmalschutz. Wenn man mehr als 50 % der Substanz ersetzen müsse, beharre die Denkmalbehörde nicht mehr auf den Schutz, erklärt der Architekt Andreas Mehl. Dennoch hieß es immer wieder, dass Fachwerkhaus Flößerholz, sei größtenteils gut erhalten. „Das darf man ja nicht isoliert betrachten“, findet Koll. Und genauso wenig dürfe man vergessen, dass die Stadt das Streibhaus vor über 12 Jahren zum Abbruch erworben habe.

 

Diesen verhinderten einige historisch interessierte Mössinger in letzter Minute. Es war zugleich die Geburtsstunde des Denkmalvereins, der das Streibhaus zu seinem Logo wählte. Auch historische Untersuchungen des Mittelalterarchäologen Tilmann Marstaller führten letztlich dazu, dass das Gebäude 2002 unter Denkmalschutz gestellt wurde.

 

Seither habe die Stadt versucht, einen Investor zu finden, der eine Sanierung übernehme, sagt Koll. „In mehreren Gesprächen haben wir aber gehört: das tue ich mir nicht an!“ Nun ist das Schicksal des Streibhauses besiegelt. Und die Pläne für 2 Neubauten liegen auf dem Tisch des Mössinger Architekten Andreas Mehl. Auf dem Areal zwischen Waibachstraße und Burgstraße sollen 2 Mehrfamilienhäuser entstehen, eines anstelle des Streibhauses. Es soll ein Gebäude mit tief heruntergezogenem Satteldach und „einem imposanten Giebel mit Wiedererkennungseffekt“ werden, sagt Mehl. „Das war unsere Vorgabe“, betont der statt Baudirektor. Wenigstens die Formensprache sollte der Architekt in seinem Entwurf ansatzweise aufnehmen, um das Streibhaus zu erinnern. 5 Wohnungen sollen in dem Neubauplatz finden: vier 2-Zimmer-Appartements und eine 3-Zimmer-Wohnung – zwischen 45 und 73 m².

 

In der Tiefe des Grundstücks, wo derzeit noch eine Scheune steht, wird ein dreigeschossiges Mehrfamilienhaus mit drei 2-Zimmer-Appartements, einer 3-Zimmer-Wohnung und zwei

4-Zimmer-Wohnungen, zwischen 45 und 93 m² errichtet.

 

Bereits 2 Wohnungen seien fest reserviert, mit weiteren 3 Interessenten sei er derzeit im Gespräch, berichtet Immobilienmakler Wolfgang Felger, der das Neubauprojekt vermarktet. Es gebe noch Interessenten, die bei dem Neubau – direkt gegenüber dem Streibhaus – nicht zum Zuge gekommen seien. Dort, in der Waibachstraße 29, stellte die Baugenossenschaft Pfullingen im März ein Sechsfamilienhaus fertig. Seit 1902 Standard das Wohn- und Geschäftshaus des ehemaligen Uhrmachers Maier. Die Baugenossenschaft Pfullingen hatten Grundstück samt Haus aufgekauft und kurz vor Weihnachten 2012 abbrechen lassen. „Alle 6 Wohnungen sind belegt, hauptsächlich von Mössingern“, sagt Felger. Und er sagt auch: „die Nachfrage ist da.“

 

Wenn es nun – auf dem Streibhaus Areal – für 50 % der Wohnfläche Interessenten gibt, wird die Baugenossenschaft Pfullingen laut Geschäftsführer Hans-Ulrich Kiefer das Grundstück von der Stadt kaufen, „schnellstmöglich“ den Bauantrag stellen und mit den Arbeiten beginnen.

 

„Wenn alles gut läuft“, sagt Kiefer, „ist im Herbst der Abbruch des Streibhauses.“ Architekt Andreas Mehl sie das Projekt als Chance für ein neues Quartier. Er hofft auf „eine Initialzündung“, um den alten Ortskern nahe der Peter- und Paulskirche zu beleben. Dadurch werde auch „der merkantile Wert“ der bestehenden Häuser steigen. Selbstverständlich sei es das Ziel gewesen, das Streibhaus zu erhalten, das schon so lange zur Disposition gestanden habe, betont Mehl. „Es ist außergewöhnlich für sein Baujahr.“ Doch dann hätte früher etwas passieren müssen. „Die letzten 10 Jahre waren einfach zu viel.“

 

Immer wieder musste sich die Stadtverwaltung Vorwürfe anhören, sie lasse das Haus verfallen bis es nicht mehr zu retten sei. Koll widerspricht: „die Problematik liegt weit zurück. Das Haus ist über viele Jahrzehnte schlecht behandelt worden.“

 

 

 

Wenn das dörfliche Mössingen verschwindet

 

„Die Stadt hat die Verpflichtung, das alte Ortsbild zu erhalten“: Kritische Stimmen Zum Abbruch

 

Im Alten Mössinger Ortskern tun sich Lücken auf. „Es gibt zunehmend leere Plätze“, beklagt Museumsleiter Hermann Berner. „Das Streibhaus war sicher eines der schönsten Häuser von Mössingern – und hätte es auch wieder werden können.“

 

Es war nur ein Erfolg auf Zeit. „Im Prinzip ist die Sache nur vertagt worden“, sagte Museumsleiter Hermann Berner. Und mit der Sache meint er den Abriss des Streibhauses. Er konnte vor 12 Jahren verhindert werden nun rückt der unerbittlich näher. Und dem historischen Ortsrundgang wird wieder eine Station fehlen. „Das typische Mössingern ist fast verschwunden“, beklagt Berner. In der Waibachstraße – mitten im Ortskern – sei die alte Bausubstanz fast ganz verloren. „In den 1970 er Jahren wollte Mössingen statt werden und hat dörfliche Struktur vernichtet.“

 

Um das Streibhaus sei es besonders schade. Sein Flößerholz findet man in der Form nur selten. Und man dürfe sich nicht vom äußeren Eindruck täuschen lassen. „Das Gebäude sieht so schlecht aus, weil der Putz weg ist. Man hatte ihn entfernt, damit das Haus untersucht werden konnte. Ohne Putz sieht kein Haus gut aus.“ Werner ist enttäuscht. „Aus dem Haus hätte man was Tolles machen können.“

 

Norbert Otto, Vorsitzender des Mössinger Denkmalverein, berichtet von „detaillierten Beschreibungen des Ortskerns“ aus den 1830 er Jahren. „47 % dieser Gebäude sind heute verschwunden, obwohl Mössingen keine Kriegseinwirkungen hatte.“ Werde irgendwann nur noch die Peter- und Paulskirche dort stehen? Werde Mössingen überhaupt noch erkennbar bleiben? „Die Stadt hat die Verpflichtung, das alte Ortsbild zu erhalten“, betonte Otto. Hier liegen die Wurzeln und die Geschichte der Stadt. „Diese Häuser erzählen.“ Heimatgefühle entstünden doch nicht durch Fertighäuser. „Kein Mensch geht in seiner Freizeit in eine Neubausiedlung.“ Doch Mössingen zerstöre seine Wurzeln, schneide sich selbst von seiner Geschichte ab. „Mössingen muss sich für seinen dörflichen Charakter doch nicht schämen.“ Stets sei die Stadt auf der Suche nach einem Leuchtturm. Ein Alleinstellungsmerkmal sei „1933, als die Leute hier auf die Straße gingen“. Und dazu gehöre das Ortsbild von damals. „Aber offensichtlich tun sich die Entscheidungsträger schwer, das zu erkennen“, glaubt der Vorsitzende des Denkmalverein. Für ein derart Sanierung bedürftiges Objekt wie das Streibhaus sei es deutschlandweit üblich, dass der Eigentümer, hier also die Stadt, den Grundstückswert abzüglich Abrisskosten veranschlagen. „Leider war dazu die Stadt nicht bereit und die Bemühungen des Mössinger Denkmalvereins, einen engagierten Käufer zu finden, liefen stets ins Leere“, bedauerte Otto. „Der Stadt Wahres nicht wichtig.“

 

Die bauhistorischen Untersuchungen des Mittelalterarchäologen und Bauforschers Tilmann Marstaller hatte 2002 dazu geführt, dass das Gebäude vom Denkmalamt als Kulturdenkmal eingestuft wurde. Dadurch konnte der geplante Abriss verhindert werden. Marstaller hatte unter dem Verputz ein ortsgeschichtlich bedeutendes, architektonisch ungewöhnliches Fachwerkhaus entdeckt, das einen außerordentlich hohen Anteil an Originalsubstanz aus dem Jahr 1616 besitzt.

 

„Der Eigentümer eines Kulturdenkmales ist per Denkmalschutzgesetz verpflichtet, für dessen Erhalt zu sorgen“, erklärt Marstaller. Damit meine er nicht, es vorläufig nicht abzureißen und nach einem möglichen Käufer zu suchen, sondern das Gebäude aktiv zu unterhalten, schadhafte, dem Erhalt gefährdende Stellen zu reparieren. Wenn nun das Streibhaus nach wenigen Jahren so akut baufällig geworden sei, dass ein Erhalt seitens der Denkmalpflege nicht mehr gefordert werden könne, „kann man wirklich nicht behaupten, dass der Eigentümer seiner Pflicht nachgekommen ist“. Dann habe die Stadt „auf die Zeit gespielt, bis ein Gutachter letztlich zum Schluss kommt, dass der Erhalt des Gebäudes wirtschaftlich nicht mehr zumutbar ist“. Das sei – nicht nur in Mössingen – ein beliebtes Mittel lästige Altbausubstanz loszuwerden. Und daran könne man leicht erkennen, wie viel einer Kommune die eigene Geschichte im wörtlichen Sinne. „Verantwortung für die eigene Geschichte übernehmen – Fehlanzeige.“

 

Vielleicht hätte die Stadt potenziellen Investoren „preislich noch stärker entgegenkommen müssen“, betont Marstaller. „Ob die Stadt solch unwirtschaftliche Optionen jemals in Erwägung gezogen hatte, entzieht sich meiner Kenntnis.“ Vielleicht sei das tragische der Mössinger Geschichte, dass es sich bei ihren Altbauten in aller Regel um Bauernhäuser handelt. Mössingen sich aber als Große Kreisstadt feiert. „Es wird mir ganz anders, wenn ich daran denke, dass es in Mössingen noch eine ganze Reihe weiterer, kulturhistorisch hochbedeutender Bauten gibt, bei denen eine Sanierung nicht in Sicht ist. Darunter eines der 50 ältesten Bauernhäuser Baden-Württembergs, Mittelgasse 24/26 von 1432, oder die Lange Straße 7-9 von 1554.

 

Der mit viel Engagement entwickelte und eingerichtete Historische Stadtrundgang werde so „ein Stück weit zur Farce, wenn solch finanziell unbequemen Gebäude, ja sogar Bestandteile des historischen Stadtrundganges, wie eben das Streibhaus, aus dem Ortsbild verschwinden sollten“. Er werde das Gefühl nicht los, so Marstaller, dass die Stadt im Falle des Streibhauses „einen echten Pyrrhussieg“ errungen hat. „Vielleicht geht eines Tages, wenn es zu spät ist, den Verantwortlichen ein Licht auf, dass wir Alte-Häuser-Freunde keine Gegner waren oder sind.“

 

 

 

Kommentar

 

Gesichts- und geschichtslos

 

Mössingen sucht seine Mitte, aber vergisst seinen Ortskern. Mössingen wie den Tourismus ankurbeln, aber lässt Kulturdenkmale verkommen. Mössingen möchte Stadt sein. Aber ohne Vergangenheit?

 

In diesem Jahr sie ihren 40. Geburtstag. Und genauso lange versucht die Stadt, ihren dörflichen Charakter loszuwerden und das städtische Leben zu erwecken. Deshalb doktert sie unablässig an ihrem Aussehen und Images herum, inszeniert sich lange schon als Blumenstadt und setzt nun alle Hoffnungen auf ein Stadtzentrum aus der Retorte.

 

Dass sie die historische Bausubstanz als Wert schätzen, den Eindruck vermittelten die städtischen Entscheidungsträger nur selten. Stattdessen gehören Parkplätze zu den beliebten Bauprojekten. Die Abrissbagger, die 2002 schon bestellt waren, sollten das Streibhaus für Parkplätze plattmachen. Aus diesem Grund sollte auch der ortsbildprägende Polizeiposten fallen – was glücklicherweise verhindert wurde. Doch die Shedhalle der Alte Pausa von 1928, das letzte architektonische Zeugnis der Ära Löwenstein, riss die Stadt 2007 ab. Trotz heftiger Proteste von Architekten, Schwäbischem Heimatbund und Denkmalverein. Und was folgte? Auch hier ein trostloser Parkplatz mit einfallslosem Ladenblock. Nur ganz knapp entging die denkmalgeschützte Tonnenhalle ihren Niedergang, wurde nach vielen Protesten und einer gelungenen Sanierung dann aber als „Riesenchance“ für die Innenstadt gefeiert.

 

Ein Ort mit Ausstrahlung und zur Identifikation braucht seine Wurzeln. Nur das Flair einer aus Vergangenheit und Gegenwart gewachsenen Einheit wird auch Gäste nach Mössingen locken. Was ist, wenn eines Tages das geschichtsträchtige Bauern- und Handwerkerdorf verloren ist? Wenn Mössingen nichts ist, als eine biedere Ansammlung Gesichts- und geschichtsloser Gebäude?