Bolberghof in Öschingen
Bolberghof in Öschingen

Mit freundlicher Genehmigung

Schwäbisches Tagblatt

 STEINLACHTAL, Samstag,8.Februar2014

 

DENKMALPFLEGE In der Öschinger Bolbergstraße wurde ein Haus aus dem 17. Jahrhundert restauriert - mit viel Verständnis für die Baugeschichte und mit Liebe zum Detail.

 

Botschaften aus der Vergangenheit

 

Samstag, 8. Februar 2014

 

Experten haben ein über 300 Jahre altes Haus in Öschingen saniert

Von Moritz Siebert

 

Sylvia Lange-Schneemilch und ihr Mann Andreas Schneemilch haben sich einen Traum erfüllt: Vor dreieinhalb Jahren kauften sie ein denkmalgeschütztes Haus in Öschingen. Mit viel Mut, professioneller Hilfe und Verständnis für die Baugeschichte haben sie das Gebäude restaurieren lassen.

 

„Als lebendige Zeugnisse jahrhundertealter Tradition (...) vermitteln die Denkmäler (...) eine geistige Botschaft der Vergangenheit." Mit diesem Satz beginnt die Charta von Venedig. In der 1964 entstandenen Satzung sind die Leitlinien für die Restaurierung von Denkmalen formuliert. Unter anderem heißt es darin, dass die Restauratoren traditionelle Bautechniken verwenden sollen. Nur wenn diese nicht ausreichen, sollen sie moderne einsetzen.

 

Alexander Fenzke fühlt sich der Charta verpflichtet. Der Maurermeister und Restaurator verwendet nur Holz, Lehm und Kalk, den Gebrauch moderner Materialien versucht er zu vermeiden. Als Sylvia Lange-Schneemilch und ihr Mann Andreas Schneemilch im Jahr 2010 ein denkmalgeschütztes Haus in der Öschinger Bolbergstraße kauften, beauftragten sie Fenzke für die Restaurierung. „Wir wollten ja nicht nur ein Wohnhaus schaffen, sondern auch ein Denkmal erhalten", erklärt Lange-Schneemilch. Alles sollte so korrekt wie möglich saniert werden. Nach mehr als einem Jahr Bauarbeiten konnte das Paar im September vergangenen Jahres in sein Denkmal einziehen. Rückblickend sagt Lange-Schnee- milch: „Wir waren völlig blauäugig, es hätte auch schiefgehen können."

 

„Als wir das Haus zum ersten Mal anschauten, fanden wir vor allem zwei Sachen interessant: den Keller und den Dachboden", erinnert sich Andreas Schneemilch. „Auch in die Scheune habe ich mich sofort verliebt", ergänzt seine Frau, „obwohl wir sie landwirtschaftlich nicht nutzen können."

 

Sanierungs-Projekt startete mit viel Risiko

 

Zum Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert gehört neben der Scheune auch noch ein Schuppen. Der Denkmalschutz verlangt die Restaurierung als Ensemble. Nur noch wenige solcher Schuppen seien erhalten, sagt Schneemilch: „Das Ensemble macht das Haus so besonders."

 

Das Sanierungs-Projekt startete aber mit viel Risiko. Völlige Klarheit über den Zustand des Hauses sei beim Kauf nur schwer zu bekommen gewesen. Natürlich könne man ein Gutachten erstellen lassen, erklärt Schneemilch, das koste aber rund 4000 Euro. Und wer wolle eine solche Summe schon bezahlen, ohne zu wissen, ob er oder sie das Haus überhaupt kauft. Die Schneemilchs gingen das Risiko ein und ließen das Gutachten erst nach dem Erwerb machen. Das Ergebnis ließ sie aufatmen. „Da hätte auch etwas ganz anderes rauskommen können." Doch wenn sie kein gutes Gefühl gehabt hätten, wären sie den Kauf auch nicht eingegangen. Das Dach war nur an einer Stelle undicht. Der Vorbesitzer hatte im Jahr 2007 eine Zentralheizung eingebaut. Außerdem war das Haus durchgehend bewohnt.

 

Trotzdem: Für die historisch korrekte Sanierung war einiges zu tun. An manchen Stellen war das Fachwerk stark angegriffen. Ein Schwellbalken faulte an einer verputzten Stelle. „Das Eichenholz konnte man mit einem Löffel auskratzen", erinnert sich Lange-Schnee- milch. Die Gefache, die Zwischenräume zwischen dem Fachwerk, mussten teilweise neu gefüllt werden. Alexander Fenzke und sein Team verwendeten dafür nur Lehm und Stroh: Materialien, die wasserdampfdurchlässig sind und keine sperrenden Schichten bilden. So bleibt das Holz trocken und kann nicht faulen. „Lehm ist ein faszinierender Baustoff", erzählt Schneemilch: „Das 300 Jahre alte Material konnten wir neu anrühren und wiederverwenden." Die Wände sind von der Innenseite gedämmt, sodass man von außen das Fachwerk sehen kann. Dabei hätte der Denkmalschutz die Sichtbarkeit des Fachwerks nicht gefordert. In der Charta von Venedig heißt es, dass die Beiträge aller Epochen zum Denkmal respektiert werden müssen. Stileinheit ist kein Restaurierungsziel. Weil in der Geschichte des Hauses das Fachwerk eine Zeit lang verdeckt war - die Wände wurden vermutlich im späten 19. Jahrhundert verputzt - hätte es auch mit verdecktem Fachwerk restauriert werden dürfen. Doch wenn schon, dann richtig, dachten sich die Eigentümer.

 

Auch die Gefache im obersten Stockwerk mussten die Handwerker austauschen. Weil das Haus mit Kaltdachboden gebaut wurde, sollte dieser auch als solcher erhalten bleiben. Die Fenster dürfen kein Glas haben, es muss ständig Luft durch den Raum ziehen. Die Bewohner können den Dachboden deswegen nur als Lagerraum nutzen. Nur wenn es gar nicht anders geht, dürfen sich die Restauratoren mit modernen Mitteln behelfen. In einem Raum, in dem früher Tiere untergebracht waren, war das Holz der Decke wegen der Ausdünstungen sehr weich geworden. An dieser Stelle bauten die Handwerker mehrere Stahlträger ein.

 

„Das sind Künstler", soll ein Dorfbewohner gesagt haben, der regelmäßig die Handwerker beobachtete. Und Sylvia Lange-Schneemilch sagt rückblickend: „Wir haben Glück, dass wir so tolle Handwerker hatten." Alles sei mit Verstand gemacht worden. „Man bekommt da richtig Respekt vor dem Handwerk", ergänzt ihr Mann.

 

 

Das Ehepaar hat aber auch sehr viel selbst angepackt. Vor allem bei Rück- bau- und Maurerarbeiten konnten sie viel helfen. „Wir haben sehr viel gelernt", sagt Lange-Schneemilch, „einen unglaublichen Fundus an Wissen" habe Fenzke. Lernen konnten sie nicht nur viel über historischen Hausbau, sondern auch über die Geschichte des eigenen Hauses. Durch die Sanierung kamen immer mehr Informationen über die Baugeschichte ans Licht. Unterschiedliche Bauphasen ließen sich ausmachen. Im Wohnzimmer tauchten noch Reste von einem alten Kachelofen auf. Unter dem Laminat-Boden kamen Dielen zum Vorschein, die zum Teil noch aus der Anfangszeit des Hauses stammen. Zwischen den Dielen auf dem Dachboden fanden die Handwerker Körner. Wahrscheinlich lagerten frühere Hausbewohner dort Getreide.

 

„Das Haus könnte unendlich viel erzählen", sagen die Schneemilchs. Zwar erfuhren sie bei der Sanierung viel über die Baugeschichte des Hauses. Die Geschichte früherer Hausbewohner blieb ihnen aber verborgen: „Mich hat es erstaunt, dass so wenig darüber bekannt ist", sagt Schneemilch. 1693 wurde das Haus vermutlich gebaut. Im Gebälk ist diese Zahl eingeritzt. Und dass sie auf das Entstehungsjahr verweist, ist auch wahrscheinlich: Bautechnisch passt das

 

Haus in diese Zeit. Außerdem hatte der Dreißigjährige Krieg viele Häuser in Öschingen zerstört, nur drei blieben verschont. In den Jahren danach wurden viele Häuser im Ort wieder aufgebaut - sehr wahrscheinlich, dass das Haus in der Bolbergstraße darunter war. „Es könnte sein, dass früher mal eine Gaststätte drin war", spekuliert Schneemilch. Vom Aufbau des Hauses her sei das plausibel: Im unteren Stockwerk könnte Essen ausgegeben worden sein und im oberen war der Ausschank. Ortskundige wie Felix Rein vermuten, es könnte sich um ein ehemaliges Bürgermeisterhaus handeln. Bereits nach dem Dreißigjährigen Krieg habe eine Familie namens Eissler dort gewohnt, die einige Bürgermeister stellte, ehe sie nach Amerika auswanderte. Auch der Urgroßvater des Vorbesitzers, dem die Schneemilchs das Haus abkauften, war Bürgermeister in Öschingen.