Samstag,7.September2013

Mit freundlicher Genehmigung des Autors:  MoritzSiebert

MÖSSINGENS ALTSTADTKERN

Seit Jahrzehnten sucht Mössingen sein Zentrum. Der historische Ortskern, die ursprüngliche Mitte, droht dabei auf der Strecke zu bleiben. Ein Rundgang zum morgigen Tag des offenen Denkmals.

Verlust der Mitte

Mössingen sucht seine Mitte: Unter anderem soll ein Gesundheitszentrum auf dem Merz-Areal die Stadtmitte künftig auszeichnen. Was aber geschieht mit dem einstigen Zentrum, dem historischen Ortskern? Leerstand und Zerfall prägen dort in vielen Gassen das Bild. Ein Rundgang durch eine Stadt, die immer eine sein wollte, aber nie so richtig eine wurde.

 

Mössingen. Zur Rechten steht das repräsentative Haus Engel. Bis in die achtziger Jahre war es ein Wirtshaus. Seit über zwanzig Jahren steht es leer, bewirtet wird dort schon lange nicht mehr: Die unteren Fenster sind verbarrikadiert, die oberen zum Teil eingeschlagen. Der Putz bröckelt von den Wänden. Zur Linken, schräg gegenüber vom einstigen Wirtshaus, zeigt sich dasselbe Bild. Das alte Schuhhaus Haar: ein ähnlich repräsentatives - und ähnlich verfallenes Gebäude.

 

Die obere Falltorstraße ist der Übergang vom künftigen Stadt-Zentrum in die historische Altstadt. Der Weg eines jeden Touristen, der Mössingens Sehenswürdigkeiten sehen will, führt durch diese enge Gasse. Auch wenn sich - jedenfalls vereinzelt - der Einzelhandel auf diesem Straßenabschnitt niedergelassen hat: Leerstand und Verfall sorgen dort für ein wenig einladendes Stadtbild.

 

Die Stadt will diese beiden Häuser erhalten. Aktiv tut sie gerade aber nichts dafür. „Wir können niemanden dazu zwingen, sein Haus schön zu machen", sagt Gebhard Koll, Leiter des Dezernats Bauen und Liegenschaften. Der Maschinenbau-Fabrikant Wilhelm Neth hatte das Haus Engel vor etwa zwanzig Jahren erworben. Neth ist im vergangenen Jahr verstorben, kurz darauf ging sein Unternehmen pleite.

 

Ein neues altes Stadtzentrum scheiterte

 

Das Haus gehört seitdem zur Insolvenzmasse. Wann etwas damit geschieht, ist nicht absehbar. Auf der anderen Straßenseite ist die Situation ähnlich: Der Besitzer wollte das Haus abreißen lassen, um stattdessen ein neues zu errichten. Die Stadt genehmigte ihm das nicht: Das Haus steht wie das Haus Engel unter Denkmalschutz. Der Besitzer blockte ab. Dann werde er eben nichts damit machen, soll er gesagt haben. Sein Wort hat er gehalten. Das Haus steht leer und verfällt zusehends.

 

Weiter entlang der Falltorstraße. Seine Altstadt hat Mössingen als Ortskern aufgegeben, als in den siebziger Jahren das Rathaus in das Bahnhofs-Viertel verlagert wurde. In den achtziger Jahren versuchte die Stadt unter Bürgermeister Hans Auer, das Zentrum vom Bahnhof wieder in die Altstadt zurückzuholen, um ein neues altes Zentrum mit Hauptstraße zu etablieren.

 

„Man wollte den dörflichen Charakter loswerden", erklärt Museumsleiter und Stadthistoriker Hermann Berner. Nur: Auch wenn man dörflichen Charakter los ist, heißt das nicht, dass man automatisch städtischen Charakter erhält. „Es ist nicht gelungen, Leben in die Altstadt zu bringen", so Berner: „Mössingen hat sich für die biedere Lösung entschieden."

 

An der Kreuzung Höfgasse/ Auf der Lehr steht das älteste Geschäftshaus Mössingens. Im Jahr 1837 hat es ein wohlhabender Geschäftsmann bauen lassen. Es steht als wichtiges Zeugnis der Entwicklung Mössingens vom Dorf zur Kleinstadt unter Denkmalschutz.

 

Alemannisches Fachwerk und renovierungsbedürftig

 

„Es fällt etwas aus dem Stadtbild raus", findet Berner, „weil es eben kein Bauernhaus ist." Der Giebel steht quer zur Straße, das untere Geschoss ist gemauert und nicht mit Fachwerk gebaut. 1988 erwarb die Stadt das Haus und quartierte dort Asylbewerber ein. Seit vielen Jahren steht es aber leer. Es gilt als Hemmschuh der Stadtentwicklung: Die Stadt will es verkaufen. Daneben, auf der anderen Seite der Höfgasse, steht ein Haus aus dem 17. Jahrhundert. Die Schaufenster zeugen noch von Ladenbetrieb. Ein Blick in das Geschäft Belle Arti im Erdgeschoss macht aber deutlich: Schöne Künste werden dort schon lange nicht mehr verkauft.

 

Die Lange Straße entlang Richtung Karl-Jaggy-Straße setzt sich der Leerstand historisch bedeutender Häuser fort: Die Hausnummer 16 steht leer, das Haus gegenüber ebenfalls. An den Gebäuden nagt die Zeit. Die Fenster und Dächer sind kaputt, die Bausubstanz ist dem Wetter ausgesetzt.

 

Viele der Häuser im Mössinger Ortskern wurden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaut. Der Dreißigjährige Krieg hatte das Dorf verwüstet. Ein Haus, das davon verschont blieb, ist bis heute erhalten. Es steht in der Mittelgasse, Bäume und Büsche verdecken es mittlerweile. Das im 14. Jahrhundert erbaute Bauernhaus ist eines der ältesten seiner Art in Baden-Württemberg und steht unter Denkmalschutz. Ein besonderes Merkmal ist seine Bauweise

 

Viele historisch bedeutende Gebäude in Mössingen stehen leer, manche drohen zu verfallen. Auf dem linken Bild ist im Vordergrund das ehemalige Gasthaus Engel zu sehen. Es gehört zur Neth'schen Konkursmasse. Was damit geschieht ist ungewiss. Im Hintergrund ist das alte Schuhhaus Haar zu sehen: Zukunft ebenfalls ungewiss. Das rechte Bild zeigt das bis vor kurzem noch denkmalgeschützte Streib-Haus in der Waibachstraße: Das im Jahr 1616 erbaute Gebäude wird wohl bald abgerissen. Bilder: Siebert

 

mit alemannischem Fachwerk. Ein anderes Merkmal ist der schlechte Zustand, in dem es sich befindet.

 

„Das Haus ist Sache der Stadt", sagt Gebhard Koll. Aktiv kümmert sie sich aber nicht darum: „Zur Zeit gibt es dafür weder ein Konzept noch Geld." Im Bestand sei das Haus aber gesichert, versichert Koll. „Für Investoren ist das Haus leider uninteressant", sagt Berner, weil es auch als Wohnhaus nach einer Restaurierung kaum nutzbar wäre. Mössingens ältestes Haus harrt auf unabsehbare Zeit im Dornröschenschlaf. Ob es irgendwann mal wieder daraus erwacht, ist ungewiss.

 

Daneben steht ein Fachwerkhaus, das als eines von wenigen erhaltenen einen bautechnischen Mischstil dokumentiert: Die Zimmerer arbeiteten sowohl mit fränkischem als auch mit alemannischem Fachwerk. Es steht ebenfalls unter Denkmalschutz und ist ebenfalls renovierungsbedürftig. Auf der anderen Seite der Mittelgasse stand bis vor wenigen Wochen noch ein altes zwei Stockwerke hohes Schmiedehaus aus dem 17. Jahrhundert. Der Besitzer hat bis auf einen Mauerrest des unteren Stockwerks das Häuschen abgerissen und funktioniert es gerade zu einer Garage um.

 

Zurück auf die Lange Straße und runter in den Fritzenrain. Dort steht zur Zeit noch der geschichtsträchtige Bau des alten E-Werks, der den Übergang von der Mühle zum Elektrizitätswerk dokumentiert. Im Untergeschoss des 1860 errichteten Gebäudes befinden sich noch Generatoren und Turbinen aus dem frühen 20. Jahrhundert. In Baden-Württemberg sind nur noch wenige Bauten erhalten, an denen anschaulich ist, „wie der Müller auf Strom umstieg", erklärt Berner.

 

In Mössingen in dieser Form auch nicht mehr lange. Der Denkmalschutz fordert den Erhalt des unteren Geschosses. Der Rest lässt die Stadt umbauen und anderer Nutzung zuführen. Koll verspricht aber, dass nach dem Umbau das alte E-Werk erkennbar bleibt.

 

Das älteste Haus Mössingens in der Mittelgasse: „Zur Zeit gibt es dafür weder ein Konzept noch Geld", sagt Gebhard Koll, Fachbereichsleiter Bauen. Bild: Siebert

 

platz hat es zum Beispiel in Mössingen nie gegeben." Und der ist für ein belebtes Zentrum schließlich grundlegend. In jeder größeren Ortschaft ist der Marktplatz Mittelpunkt des Stadtlebens. Und trotzdem sei Mössingen immer auf dem Sprung zur Stadt gewesen, erklärt Berner. Der Handel florierte. Aus den umliegenden Gemeinden und von der Alb sind die Menschen für bestimmte Dinge, etwa für Schuhe, nach Mössingen gekommen, so Berner. Ein Amtshaus oder einen Spittel hätte es in einem Dorf ebenfalls nicht gegeben. Und vermutlich auch kein so vornehmes Wohnhaus, wie es in der Waibachstraße 26 steht. „Es könnte eines der schönsten Häuser in der Stadt sein", schwärmt Berner und betont das Wort „könnte". Denn das 1616 erbaute und nach seinem einstigen Besitzer benannte Streib-Haus, das zu den geschichtsträchtigsten Gebäuden der Stadt zählt, verfällt.

 

Im Herbst 2002 waren die Bagger schon zum Abriss angerückt. Statt des Hauses wollte die Stadt an dieser Stelle einen Parkplatz. Eine Initiative geschichtsverständiger Mössinger/ innen ist es zu verdanken, dass das Streib-Haus erhalten blieb. Aus der Initiative ging der Denkmalverein hervor. Das Signet des Vereins ziert

 

das Fachwerk des Streib-Hauses. Ein Erfolg auf Zeit. Ende vergangenen Jahres hat das Regierungspräsidium ein neues Gutachten für das Haus erstellt. Der Denkmalschutz ist gefallen. Der Zustand des Hauses sei mittlerweile so schlecht, dass es nicht mehr zu erhalten sei, teilt Helmut Wälder, Sachgebietsleiter Denkmalschutz, dem TAGBLATT mit. „Wenn der Besitzer den Antrag zum Abriss stellt, werden wir ihm auch stattgeben."

 

Und der Antrag wird wohl kommen. Seit ein paar Wochen bietet die Stadt das Haus nicht mehr zum Verkauf an. „Es gibt einen Interessenten", teilt Oberbürgermeister Michael Bulander mit. „Wir können nicht jedes Haus erhalten. Und wenn ein Haus nicht mehr zu erhalten ist, dann muss es halt der Spitzhacke zum Opfer fallen."

 

„Vielen Leuten erscheint es so, als ob die Stadt auf den Verfall hingearbeitet hat", sagt Berner. Um das Fachwerk des Streib-Hauses dendrochronologisch zu untersuchen, wurde vor rund zehn Jahren der Putz abgemacht. Das Fachwerk liegt seitdem frei und ist dem Wetter ausgesetzt. Vor zehn Jahren hätte man das Haus noch retten können. Davon ist auch Helmut Wälder überzeugt.

 

Mössingen war schon früh städtisch geprägt. „Den dörflichen Charakter ist es aber nie losgeworden", sagt Berner. Das hat historische und strukturelle Gründe: „Einen Marktplatz hat es zum Beispiel in Mössingen nie gegeben." Und der ist für ein belebtes Zentrum schließlich grundlegend. In jeder größeren Ortschaft ist der Marktplatz Mittelpunkt des Stadtlebens. Und trotzdem sei Mössingen immer auf dem Sprung zur Stadt gewesen, erklärt Berner. Der Handel florierte. Aus den umliegenden Gemeinden und von der Alb sind die Menschen für bestimmte Dinge,etwa für Schuhe, nach Mössingen ge-

 

kommen, so Berner. Ein Amtshaus oder einen Spittel hätte es in einem Dorf ebenfalls nicht gegeben. Und vermutlich auch kein so vornehmes Wohnhaus, wie es in der Waibachstraße 26 steht. „Es könnte eines der schönsten Häuser in der Stadt sein",schwärmt Berner und betont das Wort „könnte". Denn das 1616 erbaute und nach seinem einstigen Besitzer benannte Streib-Haus, das zu den geschichtsträchtigsten Gebäuden der Stadt zählt, verfällt.

 

Im Herbst 2002 waren die Bagger schon zum Abriss angerückt. Statt des Hauses wollte die Stadt an dieser Stelle einen Parkplatz. Eine Initiative geschichtsverständiger Mössinger/innen ist es zu verdanken, dass das Streib-Haus erhalten blieb. Aus der Initiative ging der Denkmalverein hervor. Das Signet des Vereins ziert das Fachwerk des Streib-Hauses. Ein

 

Erfolg auf Zeit. Ende vergangenen Jahres hat das Regierungspräsidium ein neues Gutachten für das Haus erstellt. Der Denkmalschutz ist gefallen. Der Zustand des Hauses sei mittlerweile so schlecht, dass es nicht

 

mehr zu erhalten sei, teilt Helmut Wälder, Sachgebietsleiter Denkmalschutz, dem TAGBLATT mit. „Wenn der Besitzer den Antrag zum Abriss stellt, werden wir ihm auch stattgeben."

 

Und der Antrag wird wohl kommen. Seit ein paar Wochen bietet die Stadt das Haus nicht mehr zum Verkauf an. „Es gibt einen Interessenten", teilt Oberbürgermeister Michael Bulander mit. „Wir können nicht jedes Haus erhalten. Und wenn ein Haus nicht mehr zu erhalten ist, dann muss es halt der Spitzhacke zum Opfer fallen."

 

„Vielen Leuten erscheint es so, als ob die Stadt auf den Verfall hingearbeitet hat", sagt Berner. Um das Fachwerk des Streib-Hauses dendro-

chronologisch zu untersuchen, wurde vor rund zehn jähren der Putz ab-

gemacht. Das Fachwerk liegt seitdem frei und ist dem Wetter ausgesetzt.

Vor zehn Jahren hätte man das Haus noch retten können. Davon ist auch

Helmut Wälder überzeugt.

 

 

 
 

Anm. des Mössinger Denkmalsvereins:

 

Das Streibhaus ist, abgesehen von ein paar heruntergefallenen
Putzteilen, sicher nicht schlechter geworden in den letzten 10 Jahren.
Das Dach ist dicht und die Tatsache, dass Holzteile- zumal am Ostgiebel-
freiliegen, hat keine Auswirkungen auf die Substanz des Gebäudes- im
Gegenteil!