A.Fenzke im Gespräch
©A.Hammer

Reutlinger Generalanzeiger, 15.2.2014

VON ANGELA HAMMER

Denkmalschutz - Ehemaliges Bürgermeisterhaus in Öschingen als Vorzeige-Objekt. Verein informiert

 

»Artgerecht« restauriert

 

MÖSSINGEN. Manche älteren Mössinger Bürger verbinden wohl eine entbehrungsreiche Jugend mit dem Altbaubestand in Mössingen. Anders, sagt Gründungsmitglied Klaus Franke, kann sich der Denkmalverein die Aversionen gegen eine »artgerechte Restaurierung« der alten Fachwerkhäuser nicht erklären. Und es stünden genügend Häuser in Mössingen herum, die eine solche Restaurierung verdient hätten, ergänzt Steffen Killinger.

Im Rahmen seines Engagements um Mössinger Kulturdenkmäler hatte der Verein am Donnerstagabend den Restaurator Alexander Fenzke in die Weinstube zum Alten Stall eingeladen, nach langem Bemühen um einen öffentlichen Veranstaltungsort. Die Weinstube war voll, das Interesse an »denkmalgerechten Maßnahmen zur Erhaltung des Gebäudebestandes« groß und Vorstand Norbert Otto darob zutiefst erfreut.

1693 erbaut

»Artgerecht« restauriert wurde in den vergangenen drei Jahren das ehemalige Bürgermeisterhaus in der Bolbergstraße in Öschingen. Das Anwesen von 1693 hatten Fenzke und sein Handwerkerteam mit fundiertem Fachwissen, Fingerspitzengefühl, Respekt und organisatorischem Geschick analysiert, Diagnose, Therapie und Prophylaxe ausgearbeitet - wie in der Medizin und zunächst ohne Eingriff in die Bausubstanz. Mit Sylvia und Andreas Schneemilch hatte sich auch die passende Bauherrschaft gefunden, fleißig, unermüdlich und geduldig.

Der Maurermeister aus Bad Marienberg stellte die Arbeitsschritte in einem Beamer-Vortrag vor, spannend wie die Detektivarbeit der Restaurierung selbst. Dabei zeigte Fenzke am Vorzeigeobjekt Bolbergstraße 19 immer wieder, wie sehr er sich der Charta von Venedig verpflichtet fühlt. Die international anerkannte Richtlinie von 1964 dient als Basis der modernen Denkmalpflege. Die schlimmsten Schäden und hohe Folgekosten, erklärte Fenzke, hätten die unnützen Sanierungen der Vergangenheit verursacht - mit massenhaft Beton, PU- Schaum und fehlerhaft verbautem Stahl. Sein Credo bei der Restaurierung: »Eingriffe so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich«. Das alte Handwerk und die Vergangenheit sollen erlebbar bleiben.

»Reinheitsgebot« von Venedig

Das kostet natürlich, trotz Förderung und sehr viel Eigenleistung, sicher mehr als ein Neubau oder eine weniger gewissenhafte Restaurierung. Die Bauherrin wollte sich zu den Gesamtbaukosten nicht äußern. Doch der Denkmalverein ermutigt: Es muss ja nicht alles so strikt nach dem »Reinheitsgebot« der Charta von Venedig ausgeführt werden. Mehr Offenheit und Unterstützung würden sie sich aber von der Stadt und vom Gemeinderat schon wünschen. (GEA)

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